110 – Ein Bulle hört zu

Cid Jonas Gutenrath

Inhalt

Jonas Gutenrath war nicht immer ein artiger Junge. Eigentlich ist er das immer noch nicht so wirklich. Was er ist? Er bezeichnet sich selbst als „Telefonistin“. Und das ist er bei der Berliner Polizei in der Notrufzentrale für die Nummer 110.

In seinem Buch „110 – Ein Bulle hört zu“ beschreibt er einige seiner Telefonate. Damit man seine Reaktionen besser verstehen kann, gibt es einige Passagen, in denen er uns in seine Vergangenheit schauen lässt.

Als unehelicher und offensichtlich nicht leicht zu bändigender Sohn schreckte er nicht vor Auseinandersetzungen zurück, zur Not auch mit Gewalt. In verschiedenen Kampfausbildungen und bei unterschiedlichen Jobs lernte er (physisch) einzustecken und auszuteilen sowie gleichzeitig verschiedenste Milleus kennen. Man kann sagen, er hat vom Leben schon viel gesehen.

Die Anrufe reichen vom einsamen kleinen Jungen, der seine Mami vermisst, über potentielle Selbstmörder, über Schwerverletzte bis hin zum Manager, dem das Auto vor ihm zu langsam fährt.

Gutenrath versucht, sich individuell in jeden Anrufer hineinzuversetzen und den richtigen Weg zu finden, ihm zu helfen. Diesen findet er meist auf Basis seiner eigenen Vergangenheit. Dinge, die er selbst erlebt hat, oder Werte, die ihn heute noch antreiben, führen ihn oft zu dem Menschen und damit zum Erfolg. Oft, jedoch nicht immer – auch Gutenrath macht Fehler und steht dafür auch klar ein. Nicht jede Geschichte geht gut aus.

Insgesamt sind es über 60 Anrufe, die er beschreibt. Zwischen den Anrufen bestehen praktisch keine Zusammenhänge. Diese werden ein Stück weit durch Gutenraths persönliche Historie erzeugt.

Die Geschichten dabei sind rührend, traurig, lustig und auch einfach mal schrecklich. Auf jeden Fall habe ich das Gefühl, einen tiefen Blick in die menschliche Psyche werfen zu dürfen. Und nicht zuletzt wundere ich mich, aus welchen Gründen mache Leute die 110 anrufen.

Impulse

„110“ ist nicht darauf angelegt, Impulse in Richtung Management und Führung zu geben. Allgemeine Lebensweisheiten kann man jedoch durchaus entnehmen. Was ist bei mir vor allem hängen geblieben?

  • Lerne gut zuzuhören. Vielleicht erkennst du einen „Notruf“, wo vordringlich zunächst keiner ist.
  • Zivilcourage ist ein Zweischneidiges Schwert. Natürlich möchte man gerne dem Schwachen und unregerecht Behandelten helfen. Man sollte sich aber bewusst sein, dass man damit seine Gesundheit oder sogar sein Leben aufs Spiel setzen kann – mit allen Konsequenzen für einen selbst und die eigene Familie. Daher sollte man kreativ sein beim Helfen und Wege finden, die einen selbst möglichst wenig gefährden. Denn die wenigsten Menschen sind darin geschult, einen gewaltsamen Konflikt zu lösen.
  • Sollte einmal Gewalt zur Verteidigung notwendig sein: Bleibe im Geiste kühl und möglichst emotionslos. Wut macht dich blind, ungeschickt und verletzlich.
  • Wie bekommt man Kinder zum Sprechen? Stelle ihnen keine Fragen, die sich mit nur einem Wort beantworten lassen („Wie war es in der Schule?“ – „Gut.“). Stelle vielmehr Fragen, mit denen sie nicht rechnen („Waren heute viele Einhörner in der Schule?“). Oder behaupte etwas, auf das sie reagieren wollen („Heute möchtest du bestimmt wieder deinen Lieblingsspinat!“).

Bewertung und Kommentar

Das Buch bietet für mich zwei spannende Dimensionen. Zum einen sind da die unterschiedliche Anrufe und Anrufer. Jeder mit seinem Leben und Hintergrund – und mit seinem Grund für den Anruf.

Die einen Anrufe sind rührend, andere sind traurig. Bei einigen musste ich lachen. Und schließlich gibt es noch ein, zwei Episoden, die ich wirklich schrecklich fand. Doch auch die zu lesen hat mich bereichert. Ich habe ein bisschen in Psychen und in Wertesysteme reinschauen können, zu denen ich sonst keinen Zugang habe.

Auf der anderen Seite ist der Blick in die Biographie des Jonas Gutenrath. Er hat viele Dinge erlebt und gesehen, die ich selbst psychisch wahrscheinlich nur schwer verkraften würde. Trotzdem hat er sich seinen Schalk im Nacken erhalten und den Weg zur Polizei seinem aktuellen Beruf gefunden. Hier scheint Beruf tatsächlich von Berufung zu kommen.

Der Schreibstil ist so, wie Gutenrath der Schnabel gewachsen ist. Er war wohl noch nie auf den Mund gefallen, hat sich aber nach ein paar Jahren Berlin dazu auch noch etwas Berliner Schnauze erarbeitet. Das liest sich locker, manchmal etwas derb – aber immer auf den Punkt.

Da die über 60 Stories voneinander unabhängig sind, kann man dieses Buch immer wieder mal weglegen. Manchmal brauchte ich das auch. Ein Lesefluss in einer großen Story geht dabei nicht verloren. Damit ist es in Zeiten ideal, in denen man immer nur mal kurz Zeit zum Lesen hat.

Von mir eine klare Empfehlung!

Eckdaten

Titel110 - Ein Bulle hört zu
Autor(en)Cid Jonas Gutenrath
Erscheinungsjahr2012
ISBN978-3864930010
VerlagUllstein Buchverlage GmbH, Berlin

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