Die Angst der Woche

Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten

Walter Krämer

Inhalt

Walter Krämer war 1988 bis 2018, also auch während er dieses Buch schrieb, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik in Dortmund. Bekannt geworden war er vorher durch eine Bibel der Klugschwätzer: „Das Lexikon der populären Irrtümer“.

Der Titel „Die Angst der Woche“ leitet sich von einem Bereich des schwarzen Brettes seines Lehrstuhles ab. Dort konnten Mitarbeiter und Studenten aktuelle Zeitungsartikel oder ähnliches anhängen, in denen angstmachende Meldungen verbreitet wurden.

Solche Meldungen wurden ausgewertet, und Krämer stellt fest: Die tatsächliche Gefahr eines medial beschriebenen Missstandes steht üblicherweise in reziproker Relation zur medialen Berichterstattung. Sprich: Je weniger gefährlich ein „Skandal“ ist, desto mehr mediale Aufmerksamkeit bekommt er. Dafür liefert er im Laufe des Buches viele Beispiele.

Zu Beginn des Buches erläutert Krämer, was er unter Panikmache versteht und dass im Vergleich zu anderen Ländern die deutsche mediale Berichterstattung sehr stark darauf ausgelegt ist. Anschließend betrachtet er den Umgang mit Grenzwerten (also wie viel eines Stoffes maximal in z.B. Trinkwasser erlaubt ist) – sowohl in der Berichterstattung als auch in ihrer Festlegung. Den Grund für unsere Anfälligkeit für angstmachende Nachrichten sieht Krämer in unserer Evolution, weil Angst viele tausend Jahre für Menschen überlebenswichtig war.

Schließlich betrachtet er populäre Irrtümer, warum wir so besorgt auf (künstliche) Chemie reagieren und wie schwierig statistisch saubere Epidemiologie ist. Auf Basis von Beispielen, in denen die Vermeidung von bestimmten kleinen Risiken zur Schaffung deutlich größerer Gefahren geführt hat, schließt er mit Empfehlungen, wie wir künftig mit Risiken umgehen sollten – mit Bedacht.

Impulse

Nicht alle Impulse, die ich aus diesem Buch mitnehme, sind mir neu. Nichtsdestotrotz werden sie mir noch einmal in Erinnerung gerufen und bestärkt:

  • Traue keiner Statistik, die du nicht selbst… gestaltet, oder zumindest überprüft hast – ernsthaft!
  • Das in Medien beschriebene Risiko steht oft in umgekehrtem Verhältnis zu seiner tatsächlichen Bedrohung.
  • Grenzwerte für bestimmte Stoffe in Lebensmitteln entstehen durch politische Verhandlung, nicht unbedingt auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse.
  • Die Vermeidung eines Risikos kann ein anderes – viel größeres – Risiko erzeugen (z.B. führte die möglichst vollständige Vermeidung von Chlor in peruanischem Trinkwasser zum weltgrößten Cholera-Ausbruch: 800.000 Infizierte, 7.000 Tote)
  • Statistiken dürfen sich nicht nur auf wenige ausgewählte Fälle beschränken (z.B. nicht nur Betrachtung der Leukämie-Fälle in der Nähe von ein oder zwei Kernkraftwerken, sondern dann auch in der Nähe aller Kernkraftwerke weltweit).

Bewertung und Kommentar

Inhaltlich kann ich dem Buch gut folgen. Krämer gibt viele Beispiele, an denen sich übertriebene Aufgeregtheit der Medien erkennen lässt. Er nennt demgegenüber auch immer wieder Beispiele, in denen die medial ausgesprochenen Warnungen absolut gerechtfertigt waren. Die Kunst ist es nun, diese zu unterscheiden.

Der Text ist flüssig geschrieben und lässt sich ohne mathematische oder statistische Grundkenntnisse gut lesen. Der Lesefluss wird mitunter erschwert, wenn Krämer besonders viele Beispiele gibt, um seine Thesen zu untermauern. Zwei Seiten mit warnenden Zeitungsüberschriften brauche ich persönlich nicht, um das Muster zu erkennen. Vielleicht hätte hier eine Auslagerung in einen Anhang geholfen.

Womit ich mich außerdem schwertue, ist die Vermischung von sachlicher Beschreibung und emotionaler Bewertung. Das kommt nicht sehr oft vor, man spürt aber deutlich, dass der Autor von der „Panikmache“ und den Menschen dahinter genervt ist. Der Neutralität und der Argumentationskraft des Buches würde es meiner Meinung nach helfen, wenn er die sachliche Auseinandersetzung und die emotionale Bewertung stets sauber trennen würde. Sonst läuft Krämer Gefahr, sich selbst genau der Kritik auszusetzen, die er an anderen übt – nämlich dogmatisch zu sein.

Wer darüber hinweglesen kann, findet ein gut lesbares Buch, das in der Aufregung der Medien ein beruhigendes „keine Panik“ und „erst denken, dann handeln“ ausspricht. Es ist zwar von 2013, die Erkenntnisse lassen sich aber durchaus auf die heutige Zeit anwenden. Gerade in Zeiten von CoViD-19 brauchen wir meiner Meinung nach unaufgeregte, überlegte und sachliche Entscheidungen, die möglichst viele Dimensionen berücksichtigen.

Eckdaten

TitelDie Angst der Woche
AutorenWalter Krämer
Erscheinungsjahr2013
ISBN978-3-492-30184-8
VerlagPiper Verlag GmbH, München
UmschlagMichael Sowa/incognito

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